Wenn über Bildungschancen gesprochen wird, stehen häufig Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt, die besondere Unterstützung benötigen. Das ist richtig und wichtig. Doch Bildungsgerechtigkeit bedeutet auch, besondere Leistungen zu fördern und jungen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft den Weg nach oben zu eröffnen.

Genau hier zeigt sich, dass der Senat die falschen Prioritäten setzt: Er spart an Gymnasien und beim Abitur, bekommt die fachliche Personalplanung unserer berufsbildenden Schulen nicht in den Griff und nimmt leistungsstarken zugewanderten Jugendlichen den direkten Weg zum Mittleren Schulabschluss.

Es geht um die erstklassige schulische Bildung, die Exzellenz der beruflichen Ausbildung und die Aufstiegschancen junger Menschen – und damit um wichtige Voraussetzungen für Hamburgs wirtschaftliche Zukunft.

1. Gymnasien und Abitur: Erstklassige Bildung steht auf dem Spiel

Der Senat will ausgerechnet an Gymnasien und beim Abitur Lehrerstellen einsparen. Dafür erhöht er die sogenannten Basisfrequenzen, nach denen die Lehrkräftezuweisung berechnet wird. Betroffen sind die Gymnasien ab Klasse 7 und die gymnasialen Oberstufen, auch an den Stadtteilschulen.

Ein Schulleiter brachte mir gegenüber die möglichen Folgen auf den Punkt: „Wenn diese Änderungen kommen, werden wir das Gymnasium nicht mehr wiedererkennen.“

Denn es geht um weit mehr als eingesparte Lehrerstellen. Auf dem Spiel steht das anspruchsvolle Bildungsangebot unserer Gymnasien. Kleinere Oberstufenkurse in Fächern wie Biologie, Chemie und Physik könnten ebenso wegfallen wie besondere Fremdsprachenangebote. Auch die individuelle Begabtenförderung und Exzellenzangebote wie „Jugend forscht“ sind gefährdet. Was heute das besondere Profil einer Schule ausmacht, könnte künftig an fehlenden Lehrkräftestunden scheitern.

Dabei gibt es bereits deutliche Warnsignale: Laut PISA sind die Mathematikleistungen an deutschen Gymnasien zwischen 2012 und 2022 erheblich gesunken. Besonders alarmierend ist der Rückgang an der Leistungsspitze: Während 2012 noch rund 40 Prozent der Gymnasiasten die beiden höchsten Kompetenzstufen in Mathematik erreichten, waren es 2022 nur noch rund 21 Prozent. 

Auch Hamburg hat Handlungsbedarf. Gymnasien liegen in den Naturwissenschaften beim IQB Bildungstrend lediglich im Bundesdurchschnitt. Gleichzeitig stehen ihnen deutlich weniger verbindliche naturwissenschaftliche Unterrichtsstunden zur Verfügung als beispielsweise Gymnasien in Bayern, Baden-Württemberg oder Sachsen.

Hinzu kommt das G8: Hamburger Gymnasien müssen ihre Schülerinnen und Schüler in nur acht Jahren zum Abitur führen. Gerade deshalb benötigen sie genügend Ressourcen, um anspruchsvolle Unterrichtsinhalte zu vermitteln, Wissen zu vertiefen und besondere Begabungen zu fördern.

Die CDU-Fraktion hat deshalb einen Haushaltsantrag erarbeitet, der die bisherigen Berechnungsgrundlagen erhalten und die Unterrichtsversorgung sichern soll. Zur Finanzierung schlagen wir vor, bislang außerhalb der Schulen eingesetzte Lehrkräfteressourcen wieder unmittelbar den Schulen zuzuweisen und die schulische Qualitätssteuerung effizienter zu organisieren.

2. Berufliche Bildung: Ein wichtiger Standortvorteil steht auf dem Spiel

Hamburgs hoch spezialisierte berufsbildende Schulen sind ein wichtiger Standortvorteil. Ihre Ausbildungsqualität ist für Unternehmen und junge Menschen weit über die Stadtgrenzen hinaus attraktiv. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels ist diese Exzellenz von großer wirtschaftlicher Bedeutung.  Gleichzeitig steht die Hamburger Wirtschaft vor großen Herausforderungen. Der beschlossene Klimaentscheid verlangt eine beschleunigte Transformation. Umso wichtiger wird es, Unternehmen durch hervorragend ausgebildete Fachkräfte, technologische Kompetenz und eine leistungsfähige berufliche Bildung zu stärken

Doch unsere parlamentarischen Anfragen haben erhebliche Passungsprobleme aufgedeckt: Während ausgebildete Nachwuchslehrkräfte in bestimmten Fachrichtungen keine passende Stelle finden, fehlen in anderen Bereichen qualifizierte Lehrkräfte. Das Problem ist strukturell: Dem Senat fehlt eine strategische Personalplanung, die die Ausbildung des Lehrkräftenachwuchses mit dem Bedarf der beruflichen Schulen und den Anforderungen der Hamburger Wirtschaft verzahnt.

Die einzelnen Schulen besetzen ihre Stellen eigenverantwortlich. Doch wer sorgt dafür, dass Hamburg langfristig die Lehrkräfte ausbildet, die seine beruflichen Schulen tatsächlich benötigen?

Gelingt diese Abstimmung nicht, gerät die Qualität der beruflichen Bildung in Gefahr – und damit ein entscheidender Standortvorteil Hamburgs.

Die CDU-Fraktion hat deshalb eine strategische Personal- und Schulentwicklungsplanung beantragt. Sie soll die fachliche Spezialisierung unserer beruflichen Schulen sichern und ihre Ausbildungsangebote konsequent an den zukünftigen Anforderungen der Wirtschaft ausrichten.

3. AvM-Dual: Ein direkter Aufstiegsweg wird abgeschafft

Besonders deutlich wird die Frage nach den bildungspolitischen Prioritäten beim Bildungsgang AvM-Dual. Er verbindet Sprachförderung, Schulunterricht und betriebliche Praxis für neu zugewanderte Jugendliche.

Bislang können leistungsstarke Jugendliche dort auch den Mittleren Schulabschluss (MSA) erwerben. Mit der bereits beschlossenen Änderung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung wird diese Möglichkeit ab August 2027 abgeschafft. Der Senat verweist stattdessen darauf, dass die Jugendlichen den MSA später über eine erfolgreich abgeschlossene duale Berufsausbildung erreichen können.

Bemerkenswert ist dabei der unterschiedliche Umgang mit den Lern- und Leistungsentwicklungen der Jugendlichen: Wer zusätzliche Förderung benötigt, kann im begründeten Einzelfall ein weiteres Schuljahr erhalten. Im Schuljahr 2024/2025 wurden dafür 164 Anträge gestellt und nach individueller Prüfung 146 bewilligt.

Gleichzeitig wird leistungsstarken Jugendlichen die Möglichkeit genommen, den MSA unmittelbar innerhalb von AvM-Dual zu erwerben. Sie müssen künftig einen anderen Bildungsweg einschlagen, um diesen Abschluss zu erreichen.

Gerade jungen Menschen, die trotz schwieriger Startbedingungen schnell Deutsch lernen und besondere Leistungen erbringen, sollte der Weg zu einem höheren Schulabschluss offenstehen. Die Entscheidung des Senats wirft deshalb erhebliche Fragen nach ihren Auswirkungen auf die weiteren Bildungs- und Ausbildungsperspektiven dieser Jugendlichen auf.

Welche Bildung braucht Hamburgs wirtschaftliche Zukunft?

Diese drei Beispiele zeigen, wie eng Bildungsqualität und wirtschaftliche Zukunft miteinander verbunden sind. Hamburg braucht anspruchsvolle schulische Bildung, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und echte Aufstiegsmöglichkeiten für junge Menschen.

In den anstehenden Haushaltsberatungen müssen die Prioritäten des Senats auf den Prüfstand. Statt beim anspruchsvollen Unterricht und den Aufstiegschancen junger Menschen zu sparen, sollten die vorhandenen Mittel effizienter eingesetzt werden. Dazu gehören eine bessere fachbezogene Personalplanung der beruflichen Schulen und der Erhalt des Mittleren Schulabschlusses in AvM-Dual.

Bildungsstandort Hamburg unter Druck
Werkstattgespräch zu den Haushaltsberatungen 2027/2028

Wie sichern wir erstklassige Bildung und damit Hamburgs wirtschaftliche Zukunft? Darüber wollen wir nicht nur im Parlament diskutieren, sondern auch mit denjenigen, die es unmittelbar betrifft: mit führenden Vertretern der Wirtschaft, Schulleitungen, Eltern und jungen Menschen. Deshalb laden wir am 19. November um 16:30 Uhr zu einem Werkstattgespräch ins Hamburger Rathaus ein. Gemeinsam mit Vertretern der Wirtschaft, Schulleitungen, Eltern und jungen Menschen wollen wir unsere Kritik an der Bildungspolitik des Senats diskutieren, unsere Erkenntnisse mit den Erfahrungen aus der Praxis abgleichen und uns über die Anforderungen an eine erstklassige Bildung in Hamburg austauschen.

Foto: Michael Zapf

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