Energie ist mehr als Strom. Mit Ehrlichkeit und Vernunft zur Nachhaltigkeit – unter diesem Leitgedanken stand ein Vortrag des CDU-Ortsverbandes Blankenese am 20. April 2026. Pieter Wasmuth sprach über Wege zu einer vernünftigen und realistischen fossilfreien Zukunft. Wasmuth war von 2010 bis 2019 Generalbevollmächtigter der Vattenfall GmbH für Hamburg und Norddeutschland und gilt als gefragter Experte rund um die Energiewende. Sein Vortrag vor den gut besuchten Mitgliedern des Ortsverbandes war als Denkanstoß angelegt.
Wasmuths zentrale Botschaft lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Energie ist mehr als Strom. Wer in der öffentlichen Debatte allein darauf schaue, dass inzwischen mehr als die Hälfte des deutschen Stroms aus erneuerbaren Quellen stamme, übersehe das eigentliche Problem. Strom decke nur einen Teil unseres Energiebedarfs. Wärme in Gebäuden, Treibstoff für Fahrzeuge, Prozessenergie in der Industrie – all das hänge weiterhin in erheblichem Umfang an Öl, Gas und Kohle. Insgesamt liege der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Primärenergiebedarf erst bei rund einem Fünftel. Die Aufgabe sei also deutlich größer, als sie auf den ersten Blick erscheine.
Damit eine Energiewende tatsächlich gelinge, müssten nach Wasmuths Überzeugung drei Ziele zugleich im Blick bleiben: Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz. Dieses „energiewirtschaftliche Dreieck“ gerate aus dem Gleichgewicht, wenn Energiepolitik allein an Ausbauzielen für Wind und Sonne gemessen werde. Notwendig seien zugleich der zügige Ausbau der Stromnetze, ausreichende Speicher und verlässliche Reservekapazitäten – sonst kämen Erzeugung und Verbrauch nicht zusammen. Auch die Strompreise dürften nicht aus dem Blick geraten: Deutschland liege hier bereits an der europäischen Spitze. Das belaste Haushalte und werde für die Industrie zunehmend zum Wettbewerbsnachteil. Eine realistische Energiepolitik müsse deshalb immer auch den Industriestandort Deutschland im Blick behalten. Klimaschutz dürfe nicht gegen wirtschaftliche Stärke ausgespielt werden, sondern müsse so organisiert werden, dass Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Wettbewerbsfähigkeit erhalten bleiben.
Besonderes Gewicht legte Wasmuth auf den Gedanken der Technologieoffenheit. Die durchgängige Elektrifizierung – also der Versuch, möglichst alles, vom Auto bis zum Hochofen, auf Strom umzustellen – sei ein wichtiger Weg, aber nicht der einzig sinnvolle. Wo bestehende Anlagen, Motoren oder Heizungen weiter genutzt werden könnten, könne es trotz schlechterer Wirkungsgrade oft schneller, günstiger und nachhaltiger sein, sie mit fossilfreien Energieträgern zu betreiben, statt sie kurzfristig durch elektrische Systeme zu ersetzen.
Das gelte vor allem dann, wenn fossilfreie Kraftstoffe in Energiepartnerschaften mit sonnenreichen Regionen wie Nordafrika erzeugt würden. Dort ließen sich grüner Wasserstoff und daraus erzeugte klimaneutrale Kraftstoffe zu Bedingungen herstellen, die Deutschland selbst nicht bieten könne. Zwar bleibe die direkte Nutzung von Strom in vielen Anwendungen energetisch effizienter als der Umweg über Wasserstoff oder synthetische Kraftstoffe. Dieser Effizienzeinwand verliere jedoch dort an Gewicht, wo solare Primärenergie in sehr großem Umfang, verlässlich und zu niedrigen Kosten verfügbar sei. In solchen Regionen sei nicht allein entscheidend, wie viel Energie bei der Umwandlung verloren gehe, sondern ob klimaneutrale Energieträger schneller, günstiger und in ausreichender Menge bereitgestellt werden könnten, als Deutschland sein Energiesystem allein durch inländische Elektrifizierung umbauen könne. Solche Importe könnten die Energiewende erheblich beschleunigen und zugleich tragfähige wirtschaftliche Beziehungen begründen.
Dabei gehe es nicht um nationale Alleingänge. Eine erfolgreiche Energiewende müsse europäisch gedacht werden: mit leistungsfähigen Stromnetzen, Speichern, Häfen, Importkorridoren und einem integrierten Energiesystem, das erneuerbaren Strom, Wasserstoff und klimaneutrale Energieträger strategisch miteinander verbindet. Deutschland könne seine Energiezukunft nicht isoliert sichern, sondern müsse gemeinsam mit europäischen Partnern Infrastruktur, Beschaffung und Versorgungssicherheit organisieren.
Entscheidend sei am Ende nicht, welcher Weg auf dem Papier am effizientesten erscheine, sondern welcher unter realen Bedingungen schnell genug, bezahlbar und verlässlich zu einer klimaneutralen Energieversorgung führe. Technologieoffenheit umfasse nach Pieter Wasmuth auch, die Option Kernenergie sachlich zu prüfen – nicht als ideologische Vorfestlegung, sondern als Teil einer nüchternen Bewertung von Versorgungssicherheit, Systemkosten, Realisierungszeit, Klimaschutz und industrieller Wettbewerbsfähigkeit. Wasmuths Plädoyer: weniger ideologische Festlegung, mehr nüchterne Abwägung – und der Mut, mehrere Pfade parallel zu verfolgen. Nur ein technologieoffener, marktwirtschaftlicher und realitätsnaher Ansatz könne Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit miteinander verbinden.
Antje Müller-Möller dankte dem Referenten für einen Vortrag, der genau das geleistet habe, was ein guter Denkanstoß leisten solle: ein vielschichtiges Thema verständlich zu machen, ohne es zu vereinfachen.
